Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundriss der kunstgewerblichen Formenlehre
Person:
Feldegg, Ferdinand von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-748370
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-749823
Werfen wir, uns die Sache deutlich zu machen, einen flüchtigen 
Blick in die Werkstätte der Natur. 
In allen ihren unendlich mannigfaltigen Schöpfungen, auf allen 
ihren Stufen, in allen ihren Individuen sehen wir sie nach einem 
ihren innern, unsichtbaren Kritften angemessenen bildnerischen Aus- 
druck ringen, welcher stets die Resultante ist eben jener innern, 
mikrokosmischen Kräfte und eines äußern, makrokosmischen Gegen- 
satzes. Der dem Erdboden entsprießende und zum mächtigen, vielver- 
zweigten Stamme emporschießende Keim, der über Felsengeklüfte hin- 
wegstürzende Wildbach, der aus flüssigem Bodensatze aufblitzende 
Krystall, wie nicht minder der auf endloser Bahn dahinrollende 
Planet, sie alle sind in ihrer Erscheinung das Resultat jenes mäch- 
tigen, allgegenwärtigen Kräftedualismus. 
Dieses allgemeine Gesetz müssen wir uns vor Augen halten, 
wenn wir die natürlichen Gestaltungsprincipien technischer Materia- 
lien in ihrer wahren Bedeutung uns vergegenwärtigen wollen. 
Ich habe daher schon gesagt, dass wir den freien Faltenwurf 
aufzufassen haben, als den völligen Sieg äußern  makrokosmischen  
Einflusses über die innere, mikrokosmische Natur eines Stoffes, bis 
zu jener äußersten Grenze verfolgt, wo die Resistenz dieses Stoffes 
eben noch hinreicht, den gänzlichen Zerfall zu verhindern. Der 
plastische Ausdruck, welcher diesem Kräfteverhätltnisse entspricht, 
ist ein an sich unregelmäßig gestaltetes Lineament, dessen 
einziges Gesetz ich in dem Abschnitt über die Linienconvergenz 
dargelegt habe. (Der freie Faltenwurf ist die Resultante der Schwer- 
kraft und stofflichen C0härenz.)1) 
In vollem Gegensatze hiezu befindet sich die gerade Linie, 
die geometrische Form; sie ist der Ausdruck eines innern, selbst- 
ständigen Gestaltungprincips, der Repräsentant der Starrheit und 
absoluten Festigkeit. 
Zwischen beiden steht die in ihrer Form als das Resultat dop- 
pelter Kräfte gekennzeichnete elastische Linie, die gesetzmäßige 
Curve; ihr Bild veranschaulicht uns unmittelbar den Conflict einer 
unter dem Einflusse äußerer Einwirkung wohl gebeugten, aber nicht 
völlig überwundenen Eigenbestrebung. X 
Es ist unschwer zu entscheiden, welchen bestimmten Materialien 
jedes der geschilderten drei Gestaltungsprincipien entspricht, des- 
den 
Siehe 
Buches. 
ersten Theil dieses
        

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