Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundriss der kunstgewerblichen Formenlehre
Person:
Feldegg, Ferdinand von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-748370
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-749587
'drittens als culturelle Ursachen der Gewandung bezeichnet haben. 
Denn wir können in Bezug auf sie von einem ganz auffälligem 
Widersprüche reden, welcher die moderne Zeit zum Unterschied 
von allen übrigen unverkennbar erfüllt. Auf der einen Seite näm- 
.lich macht sich heutigen Tages in der immer mehr und mehr durch- 
geführten Arbeitstheilung das Bedürfnis nach einer dieser Theilung 
"entsprechenden, immer entschiedenern Gliederung der Berufsarten 
und Gewerbe geltend: ein Umstand, der an sich eine möglichste 
Verschiedenheit in der Gewandung herbeizuführen geeignet ist. (Siehe 
oben.) Auf der andern Seite hinwieder erblicken wir  zum Un- 
terschiede von allen frühern Zeiten  heutigen Tages das deutliche 
Bestreben, alle Berufs- und Rangunterschiede, soweit es äußere 
Merkmale betrifft, möglichst auszugleichen  zunächst und vor allem 
natürlich in der Gewandung?) Aus diesem Widerspruch erst ergibt 
sich die Tracht unserer Zeit mit ihrem wesentlichen Merkmale; es ist 
folgendes: bei durchgängiger Gleichheit in der Fagon gleich- 
hzeitig möglichst vielerlei Zwecken zu entsprechen; jedermann 
soll den  gleichen Rock tragen und jedermann dazu etwas anderes 
arbeiten können. Für die Costümgeschichte bedeutet dies die Periode 
des modernen Normaltypus, welcher denn auch in unserer heutigen 
.Modetracht glücklich erreicht erscheint. 
Es kann nicht entfernt unsere Aufgabe sein, das für und wider 
hdieser Thatsache abzuwägen, zumal es ein höchst überflüssiges Be- 
mühen ist, eine geschichtliche Nothwendigkeit noch während ihres 
Verlaufs zu kritisieren. Aber eines sei angesichts der allgemeinen 
Rathlosigkeit und Verwirrung im Kleiderwesen unserer Tage, aus 
welcher uns weder die wöchentlich erscheinenden Modejournale 
vunserer "Kleiderkünstler", noch der Trödelkram unserer modernen 
Malerateliers zu befreien vermögen, erlaubt hier auszusprechen: 
dass vielleicht die richtige Erkenntnis dieser Nothwendigkeit und 
der Ursachen, welche sie heute herbeigeführt haben und noch bis 
auf Weiteres bestimmen, geeignet ist, einen Einfluss zu üben auf 
das Kleiderwesen unserer Zeit. 
Möchte man in diesem Sinne (recht bald) inne werden, dass 
die Culturperiode, innerhalb welcher wir stehen, bei aller geschicht- 
1) Was sind heute die Unterschiede in der Tracht des Bürgers, des Edelmanns, 
des Handwerkers, des Bauern, des Gelehrten und des Künstlers? Nur bei Aufzügen und 
seltenen Festlichkeiten begegnen wir ihnen noch zuweilen  im Maskenzuge; im 
gewöhnlichen Leben aber sind sie völlig verwischt. In der That gibt es nur noch zwei 
Berufsarten mit nusgesprochenem Costüm: _den Krieger- und den Geistlichenstand.
        

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