Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundriss der kunstgewerblichen Formenlehre
Person:
Feldegg, Ferdinand von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-748370
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-749545
in demselben Maße, als diese Vorzüge des Gewebes ungehinderter 
zum Ausdruck gelangen, auch der Stil der Gewandung ein edlerer ist. 
Wie wichtig nun aber auch dieser Grundsatz ist, so reicht er doch 
allein nicht aus, einen festen und bestimmten Stil der Gewandung 
abzugeben. Ein solcher wird sich vielmehr erst in dem Augenblick 
einstellen, als der zweite Factor, welcher dieser großen Stilfrage 
zu Grunde liegt, in der Gewandung Berücksichtigung findet. WVir 
meinen das zu bekleidende Object, die menschliche Gestalt- 
Ohne Frage ist sie bestimmt, eine maßgebende Rolle in dieser Ange- 
legenheit zu spielen, eine Rolle, über deren Inhalt wohl vernünftiger- 
weise kein Zweifel bestehen kann, wenngleich freilich die wenigsten 
Zeiten sich dieser Einsicht gebeugt haben. 
Ein Gewand kann, abgesehen von seinem Zweck als Schutz- 
kleid, keine andere Absicht verfolgen als die, die menschliche Ge- 
stalt in ihrer Erscheinung zu heben und zu verschönern. So for- 
dert es nicht etwa eine verzeihliche menschliche Eitelkeit, sondern 
das ernste Gebot des guten Geschmackes und natürlichen Schönheits- 
"gefühls. Und auch über die Mittel, diesen Zweck zu erreichen, 
kann in allem wesentlichen kein Zweifel herrschen; es kann kein 
Zweifel herrschen darüber, dass die menschliche Gestalt in ihren 
wesentlichen Grundzügen durch das Gewand nicht verundeutlicht 
werden darf, weder in ihrer Gliederung, noch in ihrer Proportion; 
des weitern aber auch, dass jenes Maß von Bewegungsfreiheit ihr 
erhalten bleiben muss, welches jeder natürlichen und würdigen Action 
zur unerlässlichen Voraussetzung dient. 
Nach allem Gesagten wird uns demnach ein Gewand dann als 
stilgerecht zu gelten haben, wenn es bei Berücksichtigung der dem 
Stoffe innewohnenden Materialeigenschaften die menschliche Gestalt 
in ihrer Erscheinung zu fördern geeignet ist. 
WVie viele brutale Hässlichkeit und unsägliche Geschmacklosig- 
keit wäre der Costümkunde zu verzeichnen erspart geblieben, wenn 
man diesen einfachen und klaren Grundsatz stets beachtet hätte! 
So aber ist dieselbe nicht selten die beschätmende Chronik blöder 
Eitelkeit und lächerlichen Aberwitzes. 
Abhängigkeit des Kleides von derCultur eines Volkes, 
seinem Nationalcharakter und dem Klima. des Landes. 
Nirgends vielleicht spricht sich der Charakter einer Zeit und 
eines Volkes so deutlich aus, als in der Wahl seiner Gewandung. 
Dies wird uns ganz natürlich erscheinen, wenn wir bedenken,
        

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