Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Liebhaberkünste
Person:
Meyer, Franz Sales
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-768438
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-769832
112 
Ab schnitt  
Zweiter 
Die verschiedenen Liebhaberkünste. 
zeichnen; ob es ihm aber gelingt, die Soundsoburg seiner Um- 
gegend anständig zu Papier zu bringen, ist eine grofse Frage. 
Oder wenn er gar den Versuch wagt, den lieben Grofspapa zu 
konterfeien  ach, du guter Gott! wie hat der arme Mann sich 
in der kurzen Zeit verändert. Bedauernswert aber auch unter 
allen Umständen ist das angehende Kunstkind mit dem allseitig 
anerkannten Talent, wenn es ein herrlich zusammengestelltes 
Stillleben, im Hintergrund die neulich ausgegrabene Hermes- 
büste, malerisch wiedergeben soll und kaum einen ordentlichen, 
geraden Strich aus freier Hand machen kann. 
Da sitzen ein paar Jungen vor ihrem Meister und zeichnen, 
was sie müssen; sie haben eine himmlische Freude, wenn die 
Stunde ausgeschlagen hat, weil sie mit Widerwillen zeichnen, 
was ihnen noch keine Minute Spafs gemacht hat. Arme Jungen! 
Dort sitzen ein paar höhere Töchter am Zeichentisch voller 
Vergnügen und Schalkheit; sie haben keinen Grund zum Gegen- 
teil, weil sie zeichnen und malen können, was sie wollen, nach 
Herzenslust. Aber wenn nach fünf Jahren der Onkel kommt  
er ist Maler in München  und betrachtet sich das Resultat des 
Quinquenniums, so will er sich auf den Kopf stellen und er- 
klärt alles für verlorene Liebesmühe. „Verlorenes Stundengeld!" 
hätte er auch sagen können. 
Diese wenigen, dem Leben entnommenen Streiflichter er- 
hellen vielleicht das Dunkel einigermafsen, das in den elterlichen 
Anschauungen über die Methodik des Zeichnens hin und wieder 
herrscht; vorausgesetzt, dal's ihnen dieses Buch an dieser Stelle 
zu Gesichte dringt. 
Ein gewisses angeborenes Talent ist mehr oder weniger für 
alle Beschäftigungen nötig, wenn sie gut betrieben werden sollen, 
für die Kunst aber ganz besonders. Wer zu wenig Talent für 
die darstellenden Künste" zeigt, den sollte man nicht unnötig 
plagen mit mühseligen Übungen, die schliefslich doch nur zur 
Stümperei führen. Das ist in Bezug auf Zeichnen und Malen, 
wie in Bezug auf Gesang und Musik. Wie viele singen und 
ergehen sich auf dem Klavier und wie wenige singen und spielen 
so, dafs es den andern Vergnügen macht! 
Ist das Talent aber vorhanden, so pflegen auch die Lust und 
Liebe und der erwartete Fortschritt sich einzustellen und die 
Sache kann ihren Lauf nehmen. Die allerersten Übungen im 
Zeichnen bringt heutzutage schon die Volksschule; die Mittel- 
schulen thuen schon etwas mehr, so dafs die Grundlagen eigent- 
lich überall vorhanden sind, auf denen das Dilettantentalent 
weiterbauen kann. Wenn man zu Privatstunden greifen will, 
denen der Verfasser im allgemeinen das Wort nicht redet, dann 
spare man  wenn man überhaupt sparen mufs  lieber an
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.