Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Abriss der Geschichte der Baustyle
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-787987
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-791853
Formenbehandlung, nach harmonifcher Durchführung ihrer meift großartig ge- 
dachten Entwürfe geftrebt, fo entäußerten {ich die folgenden Meifter zunächfi 
mit leichtem Sinn diefer Richtung. An die Stelle der Einfachheit trat die Ueber- 
treibung, die Rrengere Compofitionsweife wich einer durchaus willkürlichen, auf 
malerifch reichen Effekt berechneten, und wenn dadurch das Nüchterne ver- 
mieden wurde, fo fiel die Architektur dafür um fo mehr in den Charakter pomp- 
hafter Prahlerei, hinter welcher {ich die innere Leere der Empfindung vergeblich 
zu verbergen fucht. Der Sinn für mächtige-Verhältniife, großartige Anordnung 
der Räume und Flächen bleibt auch jetzt bei den beITeren Meiflern auf einer 
anerkennenswerthen Höhe, aber die decorativen Mittel, mit welchen {ich die- 
felben auszufprechen haben, werden in übertriebener Weife gehäuft. Die Säulen, 
fchon in der vorigen Epoche als {lützende Glieder verfchmäht und mehr in de- 
coratixpr Art verwendet, kommen jetzt nur noch als Prunk- und Schaultücke in 
der Facadenbekleidung und an anderen Stellen vor. Halbfäulen und Pilafier wer- 
den ihnen oft beigegeben, und das Gefims erhält entfprechende Verkröpfungen. 
Dazu kommt, daß felbft an diefen {tützenden Gliedern eine gefchmacklofe Ru- 
{licabehandlung eintritt, die fogar nicht felten fo weit geht, daß die Säulenfchäfte 
abwechfelnd aus runden und rechtwinkligen Werkflücken aufgeführt werden. 
Ebenfo willkürlich zerreißt man an den Fenfler- und Thürkrönungen die Giebel, 
von denen man den mittleren Theil befeitigt, fo daß nur zwei Bruchflücke auf 
beiden Seiten {lehen bleiben. Durch alle diefe Uebertreibungen wird auch das 
plaflifche Ornament zu einer vorher nie gekannten Derbheit der Prolilirung ge- 
zwungen, und die freien Reliefs namentlich erhalten eine außerordentlich {tarke 
Ausladung. Die Schattenwirkung ill daher eine ungemein kräftige, malerifche. 
In diefer Richtung geht man aber immer weiter. Man fucht bei den Bauten 
alle erdenklichen perfpektivifchen Mittel anzuwenden und verfällt deshalb bald 
in eine Manier, welche jedem gefunden, conltruktiv organifchen Wefen Hohn 
fpricht. Die runden Linien, die man an den Kuppeln gewohnt war, {feigen 
gleichfam herab und verbreiten fich über den ganzen Bau. Nicht allein daß 
die Giebel der Dächer, der Fenfler und Thüren runde, gebrochene, gefchweifte 
Formen annehmen: felbft der Grundriß erhält rundlich gefchwungene Linien. 
Den Gipfel erreicht das Unwefen im {iebzehnten Jahrhundert durch Borromini. 
Daß es aber eine kraftvolle Zeit, eine Zeit mächtiger Individuen war, das 
fpricht lebendig aus den oft bedeutenden Verhältniifen, der derben, fchlag- 
kräftigen Behandlungsweife, dem lcidenfchaftlichen Leben der Glieder, der ge- 
nialen, oft tollkühnen WVillkür, die den Stoß {ich hier gebietcrifch unterwarf. 
Das achtzehnte Jahrhundert kam allmählich von diefer wilden Raferei zu- 
rück. Aber es war nur die Erfchöpfung nach langer Krankheit, nur der öde, 
nüchterne Morgen nach dem Raufche. Die Zeit felbfl hatte {ich ausgetobt 
und abgelebt. Nach langen Kämpfen war {ie zu einem knöchernen Mechanis- 
mus gelangt, in welchem {ie vergeblich Heil und Halt fuchte. So auch die Ar- 
chitektur.
        

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