Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Abriss der Geschichte der Baustyle
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-787987
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-790726
Im nördlichen Frankreich begegnet uns eine Auffalfung des romani- 
fchen Styls, die {ich mehr in einer einfachen, an die fächiifchen Bauten erinnern- 
den Behandlung ausfpricht. Der germanifche Volksftamm der Normannen nahm 
bekanntlich fchon früh den wichtigften Theil des Landes erobernd in Beütz und 
begann darin ein Culturleben von befonderer Färbung. Auf dem rauhen, von 
römifcher Ueberlieferung faß unberührten Gebiet entfaltete {ich eine eigenthüm- 
lich {trenge und tüchtige Architektur, welcher es feit der Eroberung Englands 
im Jahre 1066 durch die daraus {iießenden Reichthümer auch nicht an bedeu- 
tenden Mitteln gebrach. Der norrnannifche Styl geht wie der deutfch-romanifche 
von der flachgedecktenBafilika aus, die {ich aber hier vielleicht früher als 
anderswo, jedenfalls aber allgemeiner und ausfchließlicher mit dem Kreuzgewölbe 
verbindet. Schon in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts fcheint die con- 
fequente Anwendung deifelben hier {iattgefunden zu haben. Ueber den Seiten- 
fchiffen erheben {ich Emporen, nach Art der füdfranzöfifchen Bauten mit halben 
Tonnengewölben bedeckt; häufig aber ift {iatt der Emporen in den Oberwänden 
des Mittelfchiiies nur ein Triforium angebracht, d. h. ein fchmaler Gang, der 
{ich mit Bogenfiellungen auf Säulchen gegen das Innere der Kirche öffnet. Die 
frühe Ausbildung des Kreuzgewölbes hatte zeitig die reichere Entwicklung des 
Pfeilers zur Folge, der mit Eckfätilchen und vorgelegten Halbfäulen verfehen 
wurde. Der Grundplan, dem der fächlifchen Kirchen nahe verwandt, bildet 
ein einfaches Kreuz, deffen weftlicher Schenkel jedoch eine beträchtliche 
Länge hat." Aus dem bisweilen mit Nifchen verfehenen Kreuzfchiff treten in 
öltlicher Richtung nicht bloß der Chor mit feiner Ap{is, fondern in der Regel 
auch Seitenchöre als Verlängerung der Nebenfchilfe, hervor. Auf der Kreuzung, 
die ein weit höher geführtes Gewölbe hat, erhebt {ich meißens ein viereckiger 
Thurrn. Zwei fchlanltcre Thürme {teigen an der wefilichen Facade auf. Die 
Gliederung der Außenmauern wird durch fehr kräftige Lifenen, die an der Weft- 
facade {ich fogar zu Strebepfeilern ausbilden, bewirkt. Manchmal verbinden {ich 
damit an den Obermauern Arkaden von Blendbögen. Der Rundhogenfries fehlt 
faft gänzlich und wird durch ein auf phantaftifch geformten Confolen ruhendes 
Gefims erfetzt. Die Thürme haben ein {teinernes Helmdach, und auf den Ecken 
vier kleine Seitenfpitzen. Die Säulenkapiätle {ind vorwiegend würfelförmig, nicht 
wie in Deutfchland mit mannigfachem Blattornament bedeckt, fondern in der 
Regel mit einer linearen Verzierung ausgeftattet, die, in fenkrechten Rinnen ab- 
wärts laufend, dem Kapitäl eine gefältelte Oberfläche gibt. Reicher iII die Orna- 
rnentik an den Archivolten der Portale, den Bögen des Inneren und den über 
den Arkaden {ich ausbreitenden Wandfeldern. Aber alle diefe Verzierungen be- 
fchränken {ich auf ein Spielen mit geornetrifchen Linien. Der Zickzack, die 
Raute, der Stern, der Diamant, das Schachbrett, der gebrochene oder gewundene 
Stab, das Tau, die Schuppen- und Mäanderverzierung {ind, oft in derber plafli- 
{eher Ausmeißeltlng, die Elemente, aus welchen diefe Decoration {ich zufammen- 
fetzt. Der Hauptfitz diefes Styls ifl die Normandie. Zu den älteren Anlagen
        

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